- FAZ Hochschulanzeiger
/ Ausgabe 86 / Oktober 2006
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Lesen, bewerten, lektorieren
Spürnasen im Literaturbetrieb
Von Gunda Achterhold
Rund 60.000 nagelneue Buchtitel kommen in Deutschland jedes Jahr auf den
Markt. Bis der Leser ein Exemplar in den Händen hält, sind viele gute
Geister am Werk: Scouts, die unbekannte Talente entdecken; Literaturagenten,
die ihre Autoren vermitteln, und Lektoren, die Texte zur Druckreife bringen.
Wenn Silke Weniger Manuskripte studiert, liest sie in Gedanken
für mehrere Verlagsprogramme mit. "Ich versuche, beim Lesen ein Gefühl
dafür zu bekommen, zu wem der Stoff passen könnte", erklärt die Münchner
Literaturagentin. Ohne professionelle Betreuung haben Autoren im Buchgeschäft
einen schweren Stand. Seit zehn Jahren wächst die Zahl der Agenten im
deutschsprachigen Raum stetig. Nach Branchenschätzungen schließen sie
inzwischen über 60 Prozent aller Verträge. Im Ausland geht längst gar
nichts mehr ohne sie. Wie die meisten Kollegen arbeitet Silke Weniger,
die sich vor sechs Jahren mit ihrer Literarischen Agentur selbständig
gemacht hat, nach dem Prinzip der Mischvertretung. Neben dem Lizenzverkauf
ausländischer Titel auf dem deutschen Markt betreut die Kommunikationswissenschaftlerin
deutsche Autoren und vertritt ihre Rechte gegenüber den Verlagen. (...)
"Wir treffen eine Vorauswahl und machen das Manuskript anbietungsreif",
beschreibt Weniger die Arbeit ihres vierköpfigen Teams. Die Agentur stellt
den Kontakt her, handelt die Vertragskonditionen aus und sammelt die Honorare
ein. Erst mit dem Vorschuß für den Autor fließt auch für die Agentin Geld.
Seriöse Vertretungen arbeiten nach dem Erfolgsprinzip: Die Leistungen
kosten erst, wenn der Verlagsvertrag zustande gekommen ist.
Formale Voraussetzungen gibt es für den Beruf nicht. Silke Weniger
hat viele Jahre für Verlage und für die Literaturagentur Agence Hoffman
gearbeitet. "Man muß wissen, wie das Verlagsgeschäft läuft", betont die
Literaturexpertin. "Am besten kümmert man sich schon während des Studiums
um einen Job in Verlagen oder Agenturen, egal in welchen Abteilungen.
Hauptsache, man lernt die Abläufe kennen." Wer ein Faible für Fremdsprachen
hat, kann sich um eine Hospitanz in der Auslandslizenzabteilung bemühen
oder sich an eine Agentur wenden, die ausländische Verlage vertritt. Ausgesprochene
Leseratten mit Vorliebe fürs Belletristische können sich über kleinere
Dienstleistungen, zum Beispiel Buchgutachten, für das Lektorat eines Verlages
unentbehrlich machen. Wer sich als Literaturagent einen Namen machen will,
braucht letztlich eine gute Portion Verhandlungsgeschick und einen untrüglichen
Instinkt für den Markt. Nicht zu vergessen die Soft Skills: Der Umgang
mit Autoren erfordert Feingefühl und viel Geduld. "Man braucht oft einen
sehr langen Atem", sagt Silke Weniger.
Auch finanziell. In vielen Fällen arbeitet die Agentin, die mit 15 Prozent
an den Einnahmen beteiligt ist, für ein Butterbrot. Das ganze Geschäft
funktioniert nur in der Summe. Ein Krimi, der sich mit 10.000 Exemplaren
schon ganz anständig verkauft, bringt dem Schriftsteller am Ende rund
5.000 Euro ein. Häufig liegen die Einnahmen darunter. "Nehmen wir einen
Erstling", beschreibt Weniger die Untiefen ihres Jobs. "Vielleicht wird
er nie mehr nachgedruckt, und der Autor schreibt kein zweites Buch. Oder
er schreibt ein schlechtes. Dann haben wir jahrelang mit ihm gearbeitet
- für insgesamt 750 Euro." Entscheidend für den Erfolg einer Agentur ist
deshalb die Treue der Autoren - über die mageren Anfangsjahre hinaus.
Wir versuchen, unsere Autoren zu halten, indem wir sehr individuell auf
sie eingehen, beschreibt Silke Weniger ihre Strategie. Ein Service, den
sie nur einer begrenzten Anzahl von Klienten bieten kann. Mehr als 30
Autoren nimmt sie grundsätzlich nicht an. Und die müssen nicht nur gut
schreiben können. Menschen zu vermitteln, die zielorientiert und zuverlässig
arbeiten und dabei möglichst angenehm im Umgang sind - das ist Teil ihrer
Dienstleistung für die Verlage. (...)
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Silke Weniger ist
Inhaberin der Literarischen Agentur Silke Weniger in München. Bevor
sie sich im Jahre 2000 selbstständig machte, arbeitete sie in verschiedenen
Verlagen und für die Literaturagentur "Agence Hoffmann". Silke Weniger
vertritt die Rechte von 30 Verlagen und Agenturen aus dem Ausland
und 28 Autoren.
Wer schreibt eigentlich?
Im Grunde gibt es keine Berufsgruppe, die nicht schreibt. Besonders
kreativ sind nach unseren Erfahrungen Ärzte, Lehrer, Journalisten,
Rechtsanwälte, Psychologinnen und Hausfrauen. Auch ehemalige Selbstständige
im Ruhestand sind gerne schöpferisch tätig.
Wie findet man als Autor die richtige Agentur?
Indem man die einschlägigen Handbücher und Websites konsultiert.
Vorsicht bei Agenturen, die an Druckkosten-zuschuss-Verlage vermitteln
oder eine hohe Bearbei-tungsgebühr vor erfolgreicher Vermittlung
verlangen. Seriöse Agenturen arbeiten nur mit Erfolgsprovision.
Wie präsentiert man sich dort am besten?
Die allermeisten Agenten bitten um eine kurze telefonische Anfrage.
Bei uns ist es auch gerne gesehen, wenn Autoren eine freundliche
Email schicken, an die sie Kurzvita, Exposé und 20 Seiten Leseprobe
anhängen. Wer seinen Stoff gerne per Post schicken möchte, sollte
auf keine Fall vergessen, Rückporto beizulegen.
Was sollte man niemals tun, wenn man einem Agenten sein Manuskript
schmackhaft machen möchte?
Unaufgefordert große Pakete mit mehreren Manuskripten schicken,
die jahrelang ein Schubladendasein gefristet haben. Bei solchen
Paketen von unbekannten Absendern verweigern wir inzwischen die
Annahme.
Wie wird man Literaturagent?
Formale Voraussetzungen gibt es nicht. Erfahrungsgemäß sollte man
jedoch ein Studium absolviert haben, büro- und kommunikationstechnisch
nicht ganz unerfahren sein. Außerdem sollte man mindestens zwei
Fremdsprachen sprechen, davon Englisch perfekt. Den besten Einstieg
erhält man, indem man frühzeitig, das heißt bereits während des
Studiums, in Verlagen oder Agenturen arbeitet. Und dies über längere
Zeiträume. Solange man noch studiert, ist es egal, in welchen Abteilungen
man jobbt. Hauptsache, man bekommt einen Eindruck von den Abläufen
im Buchgeschäft. Wer dann für sich entdeckt, dass er/sie gerne mit
fremden Sprachen und ausländischen Büchern zu tun hat, sollte sich
um eine Hospitanz in der Auslandslizenzabteilung oder in einer Literaturagentur
bemühen, die ausländische Verlage vertritt. Wenn jemand fasziniert
ist von neueren deutschen Autoren und auch in seiner Freizeit am
liebsten nur liest, dann sollte er/sie versuchen, einen Aushilfsjob
im Lektorat zu bekommen. Oder sich über kleine Dienstleistungen
für das Lektorat eines Verlags unentbehrlich machen - zum Beispiel
durch Buchgutachten.
Ist Literaturagent ein Beruf mit Zukunft?
Ich denke ja. In den Verlagen bleibt immer weniger Zeit, um neue
Manuskripte von unbekannten Autoren zu sichten. Manche große Verlage
verlassen sich heute schon aus-schließlich auf die Vorauswahl durch
Agenten. Für die Autoren bietet die Agentur den Vorteil, dass sie
einen Profi an ihrer Seite haben, der auf gleicher Augenhöhe mit
den Verlagen verhandelt. Ich denke allerdings nicht, dass jeder,
der heute beschließt, eine Agentur aufzumachen, auch noch in 10
oder 20 Jahren in diesem Geschäft zu finden sein wird. Es gehört
sehr viel Geduld, psychologisches Einfühlungs-vermögen, geistige
Wendigkeit, Verhandlungsgeschick, gutes Marktgespür und ein sehr,
sehr langer Atem dazu, um sich langfristig in diesem Geschäft zu
halten.
Welche Genres sind auf dem deutschen Buchmarkt gesucht?
Zurzeit werden sehr gut recherchierte und exzellent geschriebene
historische Romane hoch gehandelt. Immer begehrt sind Krimis und
solide gemachte Frauenunter-haltungsromane. Der Markt für Erinnerungen
ist zur Zeit von TV-Prominenten besetzt. Deswegen hat das Interesse
an wirklich besonderen Lebensläufen leider etwas nachgelassen.
Welche Chancen hat ein neuer Autor auf dem deutschen Buchmarkt?
Deutsche Autoren haben zurzeit sehr gute Chancen - sehr viel bessere
als noch vor 10-15 Jahren. Das liegt einfach daran, dass keine Übersetzungskosten
anfallen und dass die Verlage die gesamte Rechteverwertungskette,
das heißt vom Taschenbuch bis zum TV-Film, erwerben können. |
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- Rhein-Main Presse,
24. Mai 2004
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- Süddeutsche
Zeitung: 31.Januar 2002
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- Börsenblatt:
27.Oktober 2000
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